Interrail Tag 1: Amsterdam

Endlich war es soweit: meine Interrail Reise startete in Wuppertal. Einen Tag vorher war ich schon so aufgeregt, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Und dann stand ich um viertel nach 12 eingezwängt zwischen feierlustigen Karnevalisten im Zug auf dem Weg nach Düsseldorf um dort meinen Anschluss nach Amsterdam zu nehmen.

Nach dem Umstieg war es ruhiger um mich herum geworden und ich schloss die Augen, um mir auszumalen, wie ich meinen ersten Reisetag in Amsterdam verbringen würde. Diese ganze Reise bedeutete mir so viel: ich wollte mir selbst beweisen, wie tough ich sein könnte, wenn ich es auch wollte. Nichtsahnend, was in den nächsten Stunden alles schiefgehen würde, stieg ich nach meiner Ankunft in Amsterdam Centraal aus dem Zugwaggon und schoss noch schnell ein Selfie von mir vor dem ICE.

Aus dem Hauptbahnhof hinaus zu kommen stellte sich als Interrail Passagier schon als unmöglich heraus. Wie in den Metro Stationen in Paris benötigte man eine Dauerkarte, die man zum Passieren der Schranken zum Ausgang einscannen musste. Ich hatte ja nur meinen Interrail Flexpass mit angehefteter Tabelle zum Eintragen der genutzten Reisetage. Lange suchte ich nach jemandem, der mir helfen konnte, aber natürlich war niemand vom Bahnpersonal aufzufinden. Blöd! Ich entschied mich nach einer viertel Stunde einfach dazu, direkt hinter einem Passanten durch die Schranke zu gehen. Als die Schranke daraufhin wie wild zu piepen begann und sich mehrere Augenpaare auf mich richteten, machte ich mich schleunigst auf den Weg nach draußen. Aber das nahm ich alles noch mit Humor!

Schließlich machte ich mich auf den Weg zum Flying Pig Hostel uptown. Jenes hatte ich mir nicht selbst ausgesucht, sondern der Manager eines Hotels in Brügge (Belgien) hatte mir ein Bett in einem Schlafsaal dort vermittelt. Ich hatte eine Kooperation mit seinem Hotel geschlossen, um eine Nacht umsonst dort logieren zu können und er empfahl mich seinem Kollegen in Amsterdam, dem Manager des Flying Pigs, sodass ich auch dort umsonst würde nächtigen können.

Unterschätzt hatte ich die Strecke von 5,9 km mit einem 23 Kg schweren Rucksack auf dem Rücken. Ich wollte keine der Straßenbahnen nehmen, da ich es noch nicht geschafft hatte, mich bezüglich des Streckennetzes zu erkundigen. Also lief ich zu Fuß und machte alle paar hundert Meter eine Pause. Und dann noch eine Pause. So dauerte es eine gute Stunde bis ich angekommen war, schwitzend, ausgelaugt und durch meine verschleppte Erkältung auch völlig am Ende.

Ja, meine Reisestimmung sank kontinuierlich. Da der E-Mail Verkehr mit den beiden Hotelmanagern eher schlecht als recht funktionierte, war ich mir nicht mal wirklich sicher, ob ich auch wirklich eine Reservierung für das Flying Pig hatte! Leicht verunsichert betrat ich dann das Hostel und verirrte mich fast auf dem Weg zur Rezeption. Die Aufteilung der Flure war wirklich verwirrend. Die Rezeption befand sich im Keller neben den Gemeinschaftsbädern, welche gerade in vollem Betrieb genutzt wurden.

Ich erkämpfte mir also den Weg zur Rezeption an einem frisch geduschten und halbnackten, jungen Mann vorbei, der sich gerade die nassen Haare mit einem Handtuch trocknete. An der Rezeption checkte ich ein und nachdem der Rezeptionist einen weiteren Blick auf seinen Computerbildschirm warf, begrüßte er mich mit einem Lächeln und stellte fest: „AH! YOU´RE THE BLOGGER!“
Ich nickte etwas beschämt und nahm meine Zimmerkarte und einige Plastikmünzen für Gratisgetränke entgegen. Bei dem Versuch, meinen schweren Rucksack wieder auf den Rücken zu bekommen, ließ ich natürlich alle Münzen fallen und konnte sie dann zu den nackten Füßen des frisch geduschten Mannes aufsammeln, vermied dabei den Blick nach oben. Und ja, ich tollpatsch ließ die Münzen noch zwei weitere Male fallen. Grrr…

Schließlich kam ich in meinem Zimmer an. Es miefte schrecklich und jemand schnarchte. Das Zimmer war so groß wie anders wo der Kleiderschrank. Und hier befanden sich ingesamt acht Betten, d.h. vier Hochbetten. Jedes bis auf eines-augenscheinlich mein Bett-war mit jungen Männern belegt, die mich kaum eines Blickes würdigten, als ich eintrat. Das lag vermutlich zum Teil an meiner Erscheinung nach dem Marathon zu diesem Hostel und zum Teil auch an der Tatsache, dass fast alle Jungs den selben Rausch auszuschlafen schienen. Na, holla, eine Party Bande also!

Müde und traurig beäugte ich mein Bett unter einem der röchelnden Amerikaner. Beim Versuch, mich darauf zu setzen stieß ich mir den Kopf am durchhängenden Hintern meines Obendrübers. Vor Schreck ließ dieser sein Handtuch von oben auf meinen Schoß fallen. Das war dann der Moment, in dem ich entschied, hier nicht über Nacht zu bleiben-auch nicht für geschenkt. Nachdem ich meinem Freund von oben also sein Handtuch wieder gegeben hatte, nahm ich all mein Hab und Gut und machte mich schleunigst wieder vom Acker. An der Rezeption checkte ich sofort wieder aus, denn es gab auch kein anderes Zimmer für mich. Die Getränke Münzen fischte ich aus meinem Portemonaie und ließ ich sie erneut fallen und in den Schoß des Rezeptionisten segeln, der über meinen Aufbruch wohl sehr überrascht schien.

Und das war dann der Moment, in dem ich meine Reise zum ersten Mal anfing zu bereuen. Auf der Straße vor dem Hostel atmete ich drei mal tief durch und merkte, dass es zunehmend kälter und windiger geworden war. Sturmtief Bennett hatte also die Niederlande erreicht. So ein Mist! Mit Gegenwind und dem schweren Rucksack erneut auf dem Rücken gestaltete sich die Suche nach einem anderen Hostel schwer und ich war nicht gerade motiviert, aus diesem Tag noch das Beste herauszuholen. Mittlerweile war es kurz nach 18 Uhr. Mit meinem Handy suchte ich nach anderen Hostels in der Nähe, aber keines hatte einen freien Schlafplatz in einem Schlafsaal nur für Frauen. Also suchte ich nach einem günstigen Einzelzimmer in einem Hotel. Das nächtsbeste befand sich direkt in einer Nebenstraße, doch den Eingang fand ich nicht. Immer wieder suchte ich dieselbe Straßenecke bei Prada und Co. ab und verfluchte meine Google Karten App, bis ich einen Mann sah, der neben mir einen Code an einer stählernen Tür eingab und diese passierte. Tatsächlich war dies der Eingang des von mir gesuchten Boutique Hotels Maxime. Eingeschüchtert stand ich vor der Tür und überlegte, wie ich jetzt dieses dämliche Hotel erreichen konnte. Kein Scherz, hier konnte man nur mit Code einchecken, so nobel war das Etablissement.

Als es anfing zu regnen, war meine Geduld am Ende und ich suchte einfach nach einem anderen Hotel. An einem Fahrradverleih wollte ich mir ein Fahrrad mieten, um meine Suche mit meinem Horror-Ranzen auf dem Rücken etwas zu vereinfachen. Aber nichts da! Hast du keine Kreditkarte, bekommst du kein Fahrrad. Frustriert, frierend und fertig mit den Nerven lief ich die Straße weiter hinab, ohne richtiges Ziel. Der Wind stieß Schilder, Blumen und sämtliche Cannabis-Aufsteller auf den Straßen um und ich wollte einfach wieder nach Hause. Irgendwann erreichte ich eine Straßenbahn Haltestelle und stieg in die erste Bahn ein, die erschien. Beim Fahrer wollte ich mir ein Ticket verkaufen lassen, doch dieser wollte kein Bargeld von mir. „Alleen met kaart!“ sagte dieser und wies auf ein Kartengerät hin. Meine EC-Karte wurde nicht akzeptiert, eine Kreditkarte hatte ich nicht. Also musste ich wieder aussteigen.

Das lief alles ganz anders, als erwartet. Wieso war allein reisen so schwer? Was machte ich falsch? Nass, kraftlos und mit leerem Magen lief ich also weiter, dem Wind, den Bennett mir geschickt hatte, trotzend und mit den Nerven am Ende. Ich wollte aufgeben. Am ersten Tag. Nach nur wenigen Stunden. Ich schämte mich. Das alles hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Ich rief einen Freund an und weinte. Und ich weinte noch mehr, als dieser von mir erwartete, einfach wieder ins Hostel zu den sieben bekifften Jungs zurückzukehren und mich anmaulte, warum ich mich denn nicht besser vorher über die Zahlungsarten in Amsterdam informiert hätte. Ich legte beschämt und sauer auf. Wusste nicht wohin mit mir.

Ich klapperte ein paar weitere Hotels ab, alle waren zu teuer oder hatten kein Zimmer mehr. Mein Rücken schmerzte und es wurde dunkel. Ich bekam Angst und wusste mir nicht zu helfen. Schließlich kam ich wieder am Hauptbahnhof an und überlegte, auf einer der öffentlichen Toiletten hier zu übernachten.

Ich konnte auch einfach wieder nach Hause fahren, aber was würden die anderen von mir denken? Wenn ich nach meinem ersten Reisetag aufgab und beschämt nach Hause kam? Ich war endlos enttäuscht, hatte Angst vor den Reaktionen der anderen, nachdem ich von dem Freund am Handy schon so wenig Unterstützung und Mitgefühl empfangen hatte. Wie Ihr Euch vielleicht schon denken könnt: Ja, ich bin nach Hause gefahren. Ich habe aufgegeben und einsehen müssen, dass ich nicht die Toughe bin, die planlos und spontan durch die Gegend reisen kann. Ich habe nicht die Kapazität gehabt, mich durch noch weitere Hostels durchzufragen und ich hatte keine Kraft mehr, weiterzugehen.

Ich wollte an dieser Reise wachsen, machte so vieles an ihr fest. Sie sollte eine Art Meilenstein in meiner Jugend sein, die mir dabei hilft, mich selbst zu finden. Durch sie wollte ich einen neuen Weg bestreiten; mir selbst beweisen, dass ich allein reisen kann, dass ich unabhängig bin und niemanden brauche, um glücklich zu sein. Und jetzt muss ich zugeben, dass ich zu hoch gepokert habe. Diese ganze Reise war zu schlecht geplant, ich habe von mir selbst erwartet, spontaner und mutiger zu sein, als ich eigentlich bin. Aber das nun zu sehen, lässt mich auch wachsen. Ich habe wieder etwas Neues über mich erfahren. Ich will mich nicht dafür fertig machen, dass ich nicht die bin, die ich gerne wäre. Dann bin ich halt nicht so belastbar, resistent und mutig. Aber das macht mich nicht weniger wertvoll!

Und während ich das hier schreibe und Euch an meiner vermeintlichen Schande teilhaben lasse, befinde ich mich auf dem Weg nach Straßburg!!!

Von diesem einen Tag lasse ich mich nicht aufhalten, ich liebe es zu reisen und jetzt sehe ich es weniger als Mutprobe oder Schnitzeljagd nach besseren Eigenschaften. Ich zwinge mir nun nicht mehr auf, wie ich zu sein habe, sondern pflege meinen Selbstwert durch die Rücksicht auf meine Bedürfnisse. Jetzt fühlt es sich richtig an, auch weil diesmal alle Hostels gebucht sind und ich darauf geachtet habe, keine gemischten Schlafsäle zu nehmen. Wenn ich diesmal wieder überfordert bin, dann ist das Alleinreisen mit kleinem Budget wohl einfach nichts für mich und ich akzeptiere das und fühle mich deshalb nicht schlecht.

Was ich bis jetzt über mich gelernt habe? Nie mehr ohne Kreditkarte losziehen! Ich bin nicht mutig und spontan genug, um eine größtenteils ungeplante Reise durch Europa zu bestreiten. Ich muss besser zu mir selbst sein und darf das was ich bin und was mich ausmacht, nicht schlecht machen, nur weil ich die Art anderer zu reisen erstrebenswerter finde. Ich habe durch den einen Tag in Amsterdam tatsächlich zu mir selbst gefunden und weiß nun besser einzuschätzen, wer ich bin und was mich (un)glücklich macht.

Und mit dieser neuen Einstellungen mache ich weiter.

Ich melde mich aus Straßburg Ihr Lieben!

Eure jasmineistraveling


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s