Sich auf einer Reise neu (er)finden

Ich bin eine Person, die generell unglaublich viel Positives aus einer Reise und mit einhergehenden, neuen Eindrücken ziehen kann, sodass ich mir einen Lebensstil angewöhnt habe, in dem ich alle paar Monate eine kleine oder große Reise mache.

In den letzten Jahren habe ich dabei erfahren müssen, dass nicht jeder so interessiert daran ist wie ich. Vielen meiner Freunde ist es das ganze Geld nicht wert, das man für eine Reise ausgibt. Und wieder andere wollen sich auch einfach nicht die Zeit dazu nehmen, so viel zu reisen. So musste ich mich an den Gedanken gewöhnen, des Öfteren allein zu verreisen.

Meine erste Solo Reise machte ich durch Europa per Global Pass von Interrail. Und ja, ich hatte Angst davor, gekidnappt oder bestohlen zu werden, eventuell keinen Schlafplatz zu finden oder mich einfach nur allein zu fühlen. Vieles davon ist eingetroffen und ich habe es überlebt.

Ihr werdet Euch allein fühlen, denn Ihr seid allein. Ihr werdet niemanden an Eurer Seite haben, mit dem Ihr besondere Momente, wie z.B. romantische Sonnenuntergänge an besonderen Orten teilen könnt. Mit niemandem kann man über das, was man sieht und entdeckt reden. Niemand kann Euch dabei helfen, den richtigen Weg zu finden und gerade das ist bezeichnend dafür, wie das Leben funktionieren sollte. Ich bin froh, all diese Momente und Gefühle erfahren zu haben, auch wenn es oft nicht schön war. Aber jetzt habe ich mich mit dem Gedanken angefreundet, dass mir niemand den richtigen Weg aufzeigt, dass diese Verantwortung ganz bei mir allein liegt. Und genau das war mein Ziel bei meiner ersten Solo Reise durch Europa.

Insgesamt weckt das Alleinreisen ein ganz neues Level der Achtsamkeit in Euch. Ohne Ablenkungen, ohne die Möglichkeit über etwas zu sprechen, was Ihr seht, nehmt Ihr alles ganz bewusst und nur für euch allein wahr. Ihr erlebt unverfälscht und frei von der Beziehung zu einem Reisebegleiter alle Eindrücke nur durch Eure Augen, ohne Filter.

Ihr werdet unglaublich viel über Euch selbst lernen. Was für eine Art Person Ihr seid, was Ihr mögt, was Euch beim Reisen wichtig ist und wie Ihr die von Euch stets wechselnde Umwelt wahrnehmen und erleben wollt.

Bevor ich meine Interrail Reise startete haben mir so viele Freunde und Bekannte gesagt, dass sie viel zu viele Befürchtungen und Ängste davor hätten, allein zu verreisen. Es gäbe zu viel Ungeklärtes, zu viele „Was wenn das oder jenes passiert? Und dann bist du ganz allein!“ Aber ich habe fest daran geglaubt, dass ich mich auf dieser Reise selbst neu erfinden werde und es eine großartige Erfahrung für mich sein wird.

Allein zu verreisen hat so unglaublich viele Vorteile, allen voran, dass Ihr völlig frei seid. Ihr könnt unabhängig von einem Reisepartner entscheiden, wann Ihr aufsteht, wann Ihr schlafen geht, was Ihr besichtigen werdet und wie lang Ihr unterwegs sein wollt. Ihr müsst nichts tun, was Ihr nicht wollt oder wozu Ihr keine Lust habt. Ihr könnt so lange an einem Ort verweilen wie Ihr wollt. Wenn Ihr Eiscreme zum Frühstück essen wollt, dann könnt Ihr das tun! Frei von jeder anderen Meinung, bewegt Ihr Euch durch Eure eigene Vorstellung einer gelungenen Reise. Ihr müsst mit niemandem Kompromisse schließen, außer mit Euch selbst.

Und genau das möchte ich Euch mitteilen: es ist eine große Kunst, mit sich selbst Kompromisse zu schließen, denn dafür benötigt Ihr ein hohes Maß an Selbstachtung. Ihr müsst aufmerksam dafür sein, was Ihr wollt und was Euch gut tun wird. Ein Gespür dafür zu entwickeln, wie Ihr Euer Leben wirklich führen wollt, ist schwieriger als man denkt. Ich habe mich immer davor gesperrt, Dinge allein zu tun, habe immer Angst gehabt, irgendwo allein zu enden. Aber letztlich war es das, was mir gezeigt hat, wer ich bin und was ich von meinem Leben erwarte. Es hat mir einen ganz neuen Sinn im Leben gegeben und ich weiß jetzt, wozu ich in der Lage bin und wo meine Fähigkeiten liegen. Ich schätze meinen Wert und kann selbstverantwortlich und selbstständig Leben.

Wenn wir mit einer anderen Person verreisen, denken wir meist die ganze Zeit darüber nach, wie diese Person sich fühlt, bewusst oder unbewusst. Ohne diese andere Person können wir unseren Fokus komplett auf das Hier und Jetzt, auf das eine besondere Museumsexponat oder die wunderbare Aussicht von hoch oben in den Bergen lenken. Einen besonderen Moment mit niemandem teilen zu können, kann also auch von Vorteil sein!

Mein großes Ziel bei meiner Solo Reise war es, einen Kanal zu mir selbst zu finden. Mein ganzes Leben habe ich mich immer um Beziehungen zu anderen gekümmert, habe mir oft eingeredet, eine Freundschaft oder Partnerschaft sei nicht stabil genug. Bei all dem habe ich komplett verpasst, eine Beziehung zu mir selbst aufzubauen, mich selbst zu finden und meinen Wert zu schätzen. Das nachzuholen war für mich zu einer wichtigen Lebensentscheidung geworden und ich habe die Reise als Bedingung gesehen, über mich hinaus zu wachsen und mich meinen Ängsten im Alltag zu stellen. Ich habe mir gewünscht, mich unabhängig von anderen entwickeln zu können.

Nach meiner Reise haben mir viele Menschen, die mir nah stehen gesagt, ich hätte mich verändert. Ich sei viel positiver, gelassener, ausgeglichener und würde sehr stark und stabil wirken. Tatsächlich stimmten diese Zuschreibungen mit meinem eigenen Erleben meiner Selbst überein und ich bin froh, eine so tolle Entwicklung gemacht zu haben. Es gibt viele Dinge, deren Wert ich jetzt wirklich erkenne und viele Dinge, von denen ich mich schweren Herzens trennen musste, um weiter zu wachsen.

Ich möchte Euch raten, auch einmal eine Reise ganz mit Euch allein anzutreten. Ich glaube nicht daran, dass es bestimmte Typen gibt, die das können und welche, die es nicht können. Ich bin definitiv jemand gewesen, der zur Fraktion „Ich-bin-nicht-der-Typ-zum-Allein-Verreisen“ gehörte und habe es auf meiner Reise aufgrund meiner Unsicherheiten und der Introvertiertheit teilweise wirklich schwer gehabt. Aber ich kann wirklich sagen, dass mir das Erlebnis zu Gute kam und mich zu einer besseren Version meiner Selber geführt hat. Ich habe weniger Angst, bin mutiger geworden und weiß meinen eigenen Wert zu schätzen. Ich scheue mich nicht mehr davor, Verantwortung zu übernehmen und bin zufriedener.

Ganz zu schweigen von dem ganzen Spaß den ich mit mir selbst und anderen hatte! Ich habe mir richtig viel gegönnt und es war mir nicht peinlich, andere Menschen zu fragen, ob sie mich fotografierten. Beim Karaoke Abend im Passenger Hostel habe ich schamlos ins Mikro gebrüllt und mich mit meinem schlechten Englisch trotzdem mit allen möglichen Leuten an der Bar unterhalten. Ich habe über mich selbst gelacht und Leute einfach angesprochen, wenn ich sie für sympathisch hielt. Aber ich habe auch auf offener Straße geweint, als ich in Paris bestohlen wurde und habe geschimpft, als ich in der Bibliothek in Lissabon die Treppe runtergefallen bin. Ich bin dankbar für alle Höhen und Tiefen und kann stolz auf die Person sein, die ich jetzt bin.

Unsicherheiten adé! Hier komme ich, jasmineistraveling!


3 Gedanken zu “Sich auf einer Reise neu (er)finden

  1. Cooler Artikel. Ich stehe kurz vor meinem Abi und möchte nach der Schule auch erstmal Reisen vor allen Dingen weil ich in einem Internat lebe, was zwar an sich ganz cool ist aber mittlerweile habe ich auch die Schnauze voll von Menschen

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  2. Hey wirklich cooler Artikel. Ich stehe ein Jahr vor meinem Abi und überlege mir auch schon was ich dann mache. Meine Idee war es erstmal ein bisschen rum zureisen. Allein Reisen finde ich neben dem was du schon toll beschrieben hast sehr cool weil ich nach 3 Jahren Internat erstmal die Schnauze voll von Menschen hab, aber meine Eltern raten mir natürlich vom allein Reisen ab und ich bin auch noch skeptisch ob ich das gebacken krieg, zu mal ich jetzt auch nicht so viel Geld ausgeben möchte! hast du noch irgendwelche Tipps oder Sachen die ich sonst noch in erwägung ziehen müsste?
    Liebe Grüße
    Willi

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