Interrail Tag 8-11: Lissabon

Keine Frage, Lissabon hat nahezu unendlich viele verschiedene Facetten. Doch prägte mich ein bestimmtes Stadtbild bevor ich nach Lissabon kam. Porto hatte mir so gut gefallen, dass ich annahm, Lissabon müsste zwangsläufig doppelt so gut sein, schließlich war die Stadt ja auch mehr als doppelt so groß.

Doch war ich zunächst etwas enttäuscht, die Stadt war voller Autos, alle zwei Meter stolperte man über einen der neuerdings beliebten Elektro-Cityroller und es wimmelte nur so von Baustellen überall, die der ganzen Stadt jegliche Idylle nahmen.

Mein Hostel „Stay With Me“ war wirklich schön, sauber und gerade erst renoviert worden. Allerdings lag es weit abgelegen von jeder interessanten Attraktion. Die zwei einzigen halbwegs interessanten Ziele, die sich in der Nähe meines Hostels befanden, waren die ehemalige Stierkampfarena „Praça de Touros do Campo Pequeno“ und die „Biblioteca Municipal Palácio Galveias“. Beide Ziele waren ganz nett anzusehen, aber keineswegs würde ich dafür extra herfahren.

An meinem ersten Tag in Lissabon kaufte ich mir das 24-Stunden Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel an einer Metrostation und fuhr dann zum Platz „Praça do Comércio“. Dieser wird dominiert vom Arco da Rue Augusta, das als Tor zum Bezirk Bahia Pombalina fungiert. Der Platz an sich war wirklich überlaufen, überall standen Personen, die einem Sonnenbrillen, Tickets und Co. verkaufen wollten. Der Brunnen in der Mitte war bei meinem Besuch abgesperrt gewesen. Das Tor mit seinem Platz im Vordergrund war an sich wunderschön, doch war das Bild überlagert von Autos, die an der breiten Straße zwischen Tor und Platz vorbeifuhren, den Baustellen links und rechts vom Arco da Rue Augusta und überall standen die Leute von „Hop-on-Hop-off Bus Tours, die ihre Werbetafeln motiviert in die Höhe streckten. Leicht genervt und hungrig suchte ich nach einem Supermarkt und ergatterte ein traditionell portugiesisches Pastel de Nata, ein Blätterteigtörtchen mit Pudding. Jenes schmeckte zwar ganz gut, doch ich war nach wie vor enttäuscht von meinen ersten Eindrücken von Lissabon.

Nach meinem etwas dürftigen Frühstück, das ich am Brunnen des Rossio Platzes einnahm, fuhr ich mit der Metro zur Station Martim Moniz. Dort nahm ich die Tram Nummer 28, ein klassisches gelbes Gefährt, dass sich knatternd und ächzend durch die engen Straßen der beliebten Touristenviertel Graca, Alfama, Baixa und Estrela windet. An den Endstationen Martim Moniz und Campo Ourique habt Ihr die besten Chancen, einen Sitzplatz für die Fahrt zu bekommen und jenen solltet Ihr wirklich besser haben, denn im Stehen habt Ihr im Gedränge weniger Kontrolle über Langfinger, die es sich nur zu gern in der Hauptattraktion Lissabons bequem machen. Das 24 Stunden Ticket könnt Ihr auch für diese Fahrt einsetzen und Ihr könnt ein- und aussteigen, wann und wo Ihr wollt, allerdings würde ich Euch in jedem Fall empfehlen, mal die ganze Strecke mit der Tram zu fahren, denn es gibt wirklich viel zu sehen! Unter Anderem die Basilika da Estrela, das portugiesische Parlament in Sao Bento und die Aussichtsplattform Miradouro de Santa Luzia an der Station Portas do Sol, in dessen Nähe sich auch das Schloss Castelo de São Jorge befindet.

Ich stieg an der Station Portas do Sol aus und bewunderte die malerische Aussichtsplattform des Miradouro de Santa Luzia. Diese gilt als eines der besten Fenster Lissabons über den Dächer der Stadt und dem Fluss Tejo. Die Plattform wird dominiert von einem länglichen Wasserbecken und die Fassade von Santa Luzia ist mit den für Portugal typischen Kachelbildern verziert. Sie erzählen die Geschichte von Lissabon vor dem großen Erdbeben im 18. Jahrhundert. Von dort aus bin ich dann den Berg hoch gelaufen zum Castelo de São Jorge. Auch von dort hat man eine wunderbare Aussicht über die Stadt, für die Ihr allerdings Eintritt zahlen müsst.

Abends holte ich mir bei Lidl eine wunderbare Lasagna com Queijo (zu deutsch: Käselasagne), die ich mir in der Hostel Küche via Mikrowelle zubereiten konnte und sie schmeckte so fantastisch, dass sie meinen gesamten ersten Eindruck von Lissabon tatsächlich etwas aufwertete!

Im Supermarkt war ich wirklich froh, dass ich mein Handy zum Übersetzen der Dinge, die sich in meinem Einkaufswagen befanden, nutzen konnte, denn sonst hätte ich mir versehentlich Pataniscas de Bacalhau gekauft, Kabeljaupuffer, die wirklich beeindruckende Ähnlichkeiten zu sehr unfischigen Gemüsepuffern aufwiesen! Das wäre ja mal die absolute Krönung an diesem ersten Tag in Lissabon gewesen!

An meinem zweiten Tag in Lissabon bin ich mit der Bahn nach Sintra gefahren, in die portugiesische Märchenstadt! Um Euch davon ausführlich zu berichten, wird es einen ganz eigenen Blogbeitrag geben. Sobald er fertig ist verlinke ich ihn Euch hier:

Mein dritter Tag war weniger spektakulär: ich habe den halben Tag nach einem günstigen Flug zurück nach Deutschland gesucht, weil mein Geld ausging und ich sehen musste, dass ich nach Hause kam. Nachmittags bin ich dann durch die brütende Hitze zur Biblioteca Municipal Palácio Galveias gegangen. Diese war wirklich eine der schönsten Bibliotheken, die ich bis dato betreten hatte. Schon das Eingangstor war umwerfend. Der Palast stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts und war eine der ersten städtischen Bibliotheken der Stadt. Die Lesehallen sind extrem lichtdurchflutet, in jedem Zimmer gibt es wunderbare, deckenhohe Fenster. Außerdem gibt es große Lese- und Lernsäle, die unheimlich beliebt unter den jungen Portugiesen sind! Es gibt sogar eine riesengroße Terrasse mit angrenzendem Garten, in dem man es sich ebenfalls gemütlich machen kann! Einfach pure Idylle! Touristen verirren sich hier vermutlich eher selten her, deshalb wurde ich ziemlich kritisch mit meiner Kamera beäugt.

Auch den Abend verbrachte ich dann wieder mit der Flugsuche, welche eher semi erfolgreich verlief. Frustrierend!

Den vierten Tag begann ich zum ersten Mal mit einem Frühstück in meinem Hostel, dass leider auch eher dürftig und ziemlich unvegetarisch war. Danach setzte ich meine Flugsuche fort und war irgendwann so verwirrt und übersättigt an dem Vergleich von Flugpreis und daran gebundener möglicher Zahlungsmethode war (Ihr erinnert Euch sicher: ich habe keine Kreditkarte, was einen Flugkauf deutlich erschweren kann!), dass ich dachte einen günstigen Flug, der per Lastschrifteinzug bezahlt werden konnte und der von Lissabon zwei Tage nach meinem eigentlichen Aufenthaltsende in Lissabon starten sollte, gefunden zu haben. Schnell gebucht, bei 50 Euro auch keine Rücktrittsversicherung von 24 Euro dazu gebucht und am Ende gemerkt: Den Flug habe ich in einem ganz anderen Monat gebucht! So ein Riesenmist. Also den Flug für 150 Euro umgebucht und mein Konto somit weit über sein mögliches Discolimit gebracht, was mir meine Bank sicher ziemlich übel nehmen werden würde. Ich hatte letztlich noch zwei weitere Tage in Lissabon, sodass ich dort fast eine ganze Woche verbrachte. Man halte sich vor Augen: das war die Stadt, die mir von allen von mir besuchten Destinationen am wenigsten gefiel und in der ich dann gezwungenermaßen am längsten habe bleiben müssen! *grrr

Meinen restlichen Tag verbrachte ich in meinem Hostel Bett. Gefrustet und am Ende meiner Kapazitäten, sowohl den finanziellen als auch den geistigen. Und diesmal wurde mein Abend nur wenig verbessert durch eine erneute Lasagna com Queijo. Ich glaube, ein paar Tränen hatte ich auch noch still und heimlich hinter meinem Bettvorhang verdrückt, ich wollte nach Hause und fühlte mich allein. So allein.

Den nächsten Tag musste ich wirklich haushalten. In meinem Portemonnaie befanden sich noch 23 Euro und ein paar Kupfermünzen. Nochmal wollte ich keinen kostbaren Urlaubstag in Selbstmitleid versunken im Bett verbringen und so machte ich mir einen Finanzplan für die nächsten 36 Stunden. Dieser beinhaltete Zugtickets zum Flughafen am nächsten Tag, zur nächsten interessanten Attraktion in Belém und zurück zum Hostel. Außerdem musste ich noch mindestens zweimal etwas essen. Und in Belém würde ich das beliebte Kloster Mosteiro dos Jerónimo besuchen wollen, also musste ich eventuelle Ticketpreise für den Eintritt einberechnen. Der Struggle um die letzten verfügbare geldlichen Mittel war wirklich einschüchternd. Aktivierend, aber zugleich betäubend. Auf der einen Seite wollte ich noch das Beste aus der Situation, in der ich mich nunmal unwiderruflich befand machen und auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl, jede Bewegung würde mich zu viel kosten. Ich fühlte mich gehemmt und gleichzeitig gedrängt, meine letzte Zeit in Lissabon zu nutzen. Echt ein komisches, beklemmendes Gefühl. Aber nach dem Meistern dieser letzten eineinhalb Tage war ich stolz wie Oskar!

Ich machte mich also auf den Weg nach Belém und fühlte mich nach wie vor allein. Und auch irgendwie ausgeliefert. Fremd und ein bisschen verzweifelt. Das Mitteilen meiner Sorgen auf Instagram durch die Story-Funktion hat mir geholfen, mich nicht zu sehr in mein Dilemma hineinzusteigern. So konnte ich mir meine Sorgen von der Seele reden und empfand ein Gefühl von Unterstützung.

Okay jetzt meine Wegbeschreibung für Euch nach Belém (Achtung, hier wird´s jetzt kompliziert!): Ich stieg am Campo Pequeno also in die Bahn „Am“ Richtung „Rato“ zum Marquês de Pombal, um dort zur Linie „Az“ Richtung Santa Apolónia zum Bahnhof Baixa-Chiado zu wechseln. Hier konnte ich dann den Zug „Vd“ in Richtung Cais do Sodré nehmen und an jenem die „Linha de Cascais 19081“ in Richtung Cascais nach Belém zu nehmen.

In Belém angekommen steuerte ich die beliebte Pastelleria an, die traditionelle Pastéis de Belém verkauft. Jene sollen ein bisschen anders schmecken als Pastéis de Nata, mit Zimt verfeinert. Doch dort angekommen traf mich fast der Schlag, an der Eingangstür der Bäckerei säumte sich eine ca. 60 Meter lange Schlange. Das konnte ja wohl nicht wahr sein. Ich würde mich da bestimmt nicht bei 34 Grad in die pralle Sonne, die den Asphalt zu Kochen brachte, stellen um mir ein überteuertes Gebäck zu kaufen, das mir vermutlich nicht mal schmecken würde. Ich sah mich um und erspähte die zwei goldenen Bögen, die mir einen 1 Euro Burger versprachen. Tatsächlich bin ich dort dreist all meine Kupfermünzen losgeworden. Der Verkäufer machte sich nicht mal die Mühe, die ganzen ein- und zwei-Cent-Münzen zu zählen; genervt händigte er mir einen zerdrückten, lauwarmen Hamburger in die Hand und ich grinste von einem Ohr zum anderen, als ich meinen Hunger auf so eine kostengünstige Art stillte.

Danach ging es dann zum Kloster. Hier angekommen, stellte ich freudig fest, dass es für Studenten einen saftigen Rabatt gab und zahlte so statt 10 Euro nur 5 Euro Eintritt. Ich schwöre Euch; ich tänzelte nur so durch das wunderschöne Südportal des Klosters. Und ich war wirklich froh, den Weg nach Belém gemacht zu haben! Jetzt hatte ich noch 18 Euro, abzüglich der Zugtickets hin-und zurück. Kleiner Tipp für Euch, falls Ihr auch so einen finanziellen Struggle haben solltet, wenn Ihr in Lissabon seid: am ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt komplett frei!

Das Hieronymus Kloster zählt übrigens zum UNESCO Weltkulturerbe! Und das völlig zurecht, ich war wirklich überwältigt von der Art und Weise, wie sich Elemente aus dem Abendland, dem Orient und Fernost im Dekor der wunderschönen Gewölbebögen verbanden. In dem orangenem Kalksandstein sind Symbole, Figuren, Porträts, Pflanzen und Tiere erkennbar und es steckt so ein unglaublich hohes Maß Liebe zum Detail in jedem einzelnen Bauteil! Ich war wirklich sprachlos.

Nach meinem Kreuzgang durch das Innere des Klosters verabschiedete ich mich von der Pracht und Schönheit dieses einzigartigen Bauwerkes und machte mich zu Fuß auf den Weg zum Torre de Belém, welcher ebenfalls auf die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde und sich ca. einen Kilometer südwestlich vom Kloster befindet. Der Weg dorthin ist allerdings weniger ansehnlich, da man die ganze Zeit an einer vielbefahrenen Schnellstraße entlanggehen muss. Doch am Turm von Belém angekommen ist man umgeben von grünen Parkanlagen, netten Cafés und Restaurants mit Terrassen und Blick auf den Tejo. Man kann sogar auf die Aussichtsplattform des Turms, das kostet dann aber wieder Eintrittsgeld und jenes habe ich mir sparen wollen, schließlich ist der ehemalige Leuchtturm gerade mal 35 Meter hoch und von Land aus viel schöner anzusehen! Es gab früher auch mal einen zweiten Turm genau gegenüber, aber jener ist dem Erdbeben im 18. Jahrhundert erlegen.

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Frust Fact: meine Kamera ist bei der Ankunft am Torre de Belém ausgegangen, weil der Akku leer war. *schluchz

Interessant fand ich übrigens, dass ca. fünf Monate vor meiner Reise nach Lissabon in der Mündung des Tejo in 12 Meter Tiefe Wrackteile eines versunkenen Schiffs entdeckt worden. Hier fand man Pfeffer und chinesisches Porzellan aus dem 16. Jahrhundert! Hier könnt Ihr den passenden Bericht dazu finden.

Zurück bin ich dann an den Jachthäfen „Doca do Com Sucesso“ und „Doca de Belém“ vorbei gelaufen, bis zum „Padrão dos Descobrimentos“, einem 56 Meter hohem Denkmal, das 33 wichtige Persönlichkeiten des Spätmittelalters in Portugal zeigt. Auch hier könnt Ihr die Aussichtsplattform besuchen, aber vermutlich ist es im Inneren des Denkmals spannender: denn hier gibt es ein Auditorium mit Bühne! Leider bin ich nicht dazu gekommen, dort hinein zu gehen, da die Energie, die mir der eine Hamburger gegeben hatte, schon aufgebraucht war und ich ohne Kamera auch keine Motivation mehr fand, mehr als nötig zu laufen.

Ich warf noch einen letzten Blick auf die Brücke Ponte 25 de Abril vom Terreiro das Missas und war dann wieder am Bahnhof Belém. Am Ende des Abends hast ich noch 9 Euro übrig und freute mich schon auf den nächsten Tag, an dem es dann endlich nach Hause gehen sollte!

Am letzten Tag kam ich am Flughafen mit 6 Euro an und jene verprasste ich dann vollständig bei Burger King! Ich genoss mein Kids Menü in vollen Zügen und der Stolz, den ich aufgrund meiner tapferen letzten Wochen jetzt am Ende meiner Reise empfand, verfeinerte mir meine Pommes aufs Schmackhafteste! Und ich muss zugeben, ich war unendlich erleichtert, als ich dann im Flugzeug mit dem Ziel Deutschland saß. Mir fiel eine Riesenlast von den Schultern, als ich wieder in meiner Heimat war, mich auf deutsch verständigen konnte, mein Semesterticket nach Hause nehmen konnte, wo ein Zimmer für mich ganz allein wartete mit einem 1,40m breiten Bett! Keine Uni-Sex Toiletten und eine Dusche nur für mich. Niemand kam mitten in der Nacht ins Zimmer reingeplatzt und ich musste nichts mehr wegschließen, die Angst beklaut zu werden wich dem sicheren Gefühl, angekommen zu sein.

Ich hoffe, Ihr hattet Spaß daran, meine Interrail Europa Reise zu verfolgen und könnt Euch vielleicht auch durch meinen authentischen Erfahrungsbericht besser auf Eure eigene Interrail Reise vorbereiten!

Der nächste Beitrag kommt bestimmt-schneller als Ihr denkt!

Bis bald, Eure jasmineistraveling!


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